Fehlerhafte Dokumentation: Forensische Analysen haben enthüllt, wie der im Jahr 1803 hingerichtete „Schinderhannes“ wirklich aussah. Demnach sah der „Superschurke“ anders aus als in manchen historischen Überlieferungen und Bildern beschrieben. DNA-Analysen klärten zudem, welches Skelett zu dem Räuber gehört. Denn wie sich zeigte, waren die Gebeine des „Schinderhannes“ gut 200 Jahre lang falsch zugeordnet. Man hatte sein Skelett mit dem eines zweiten, gleichzeitig hingerichteten Räubers verwechselt.
Johannes Bückler alias „Schinderhannes“ und Christian Reinhard alias „Schwarzer Jonas“ waren zwei ebenso berühmte wie gefürchtete deutsche Banditen, die ab dem Jahr 1801 zusammen Einbrüche, Erpressungen und Raubüberfälle im Frankfurter Raum begingen. Dem „Schinderhannes“ wurden mindestens 211 Straftaten nachgewiesen, darunter auch Mord. Den beiden Kriminellen sowie ihren zahlreichen Komplizen wurde damals in Mainz monatelang öffentlich der Prozess gemacht, bevor sie im November 1803 schließlich durch das Fallbeil hingerichtet wurden.
Im Jahr 1805 gelangten die Skelette der beiden Schurken in die Anatomische Sammlung der Universität Heidelberg. Seither kamen jedoch immer wieder Zweifel auf, ob die Knochen richtig zugeordnet waren. Unklar ist bis heute zudem, wie der „Schinderhannes“ einst aussah.
Um mehr über das Aussehen und die Identität der beiden historischen Räuber zu erfahren, haben Forschende um Walther Parson von der Medizinischen Universität Innsbruck die beiden Skelette nun näher untersucht. Dafür analysierten sie die Gebeine mit Scans sowie mit genetischen und chemischen Methoden, die Informationen zu Alter, Geschlecht, Herkunft und möglichen Erkrankungen der Individuen liefern. Diese Daten verglichen sie dann mit historischen Dokumenten.
Dabei zeigte sich: Das mehr als 200 Jahre lang für das des „Schinderhannes“ gehaltene Skelett stammte nicht von dem berühmten Räuber. Stattdessen gehörte es einem Unbekannten – möglicherweise einem weiteren Angehörigen der Bande. Spuren am Nacken belegen zudem, dass dieser unbekannte Mann nicht mit dem Fallbeil hingerichtet wurde, wie für den „Schinderhannes“ überliefert. „Das an den Gebeinen festgestellte Trauma stimmt mit Verletzungen durch ein Schwert überein“, berichten Parson und seine Kollegen.
Das zweite untersuchte Skelett – als das des „Schwarzen Jonas“ etikettiert – war ebenfalls falsch zugeordnet. Denn diese Knochen entpuppten sich als die wahren Gebeine des „Schinderhannes“, wie das Team herausfand. Ein erstes Indiz dafür lieferten Spuren verheilter Knochenbrüche am linken Unterarm und rechten Schienbein dieses Toten. Sie bestätigten historische Berichte, wonach sich der „Schinderhannes“ Arm und Bein gebrochen hatte.
DNA identifiziert Gebeine des „Schinderhannes“
Um diese Hinweise zu überprüfen, analysierten Parson und seine Kollegen die mitochondriale DNA sowie die DNA aus den Zellkernen der beiden Skelette und glichen diese Erbinformationen mit einem noch lebenden Nachkommen des „Schinderhannes“ ab. Diese Tests bestätigten ein Verwandtschaftsverhältnis, das sich über fünf Generationen erstreckt. „Den genetischen Daten zufolge ist es eine Milliarde Mal wahrscheinlicher, dass dieses Skelett dem Schinderhannes gehört als einer beliebigen anderen, nichtverwandten Person“, berichten die Forschenden.
Diese Daten – zusammen mit weiteren Analysen – bestätigen damit, dass die beiden Skelette mehr als 200 Jahre lang vertauscht waren – und identifizieren die echten Überreste des berüchtigten „Schinderhannes“.
Das Skelett seines Komplizen, des „Schwarzen Jonas“, ist dagegen verschollen. Was mit ihm passiert ist, wissen die Forschenden nicht. „Möglicherweise wurde es im Glauben, es handle sich um das Skelett des ‚Schinderhannes‘, entwendet oder ausgeborgt und nie zurückgegeben?“, mutmaßt Seniorautorin Sara Doll von der Universität Heidelberg.
Der „Schinderhannes“ war nicht blond
Die genetischen Analysen enthüllten nun auch erstmals, wie der deutsche Superschurke tatsächlich aussah. Denn es gibt nur wenige erhaltene zeitgenössische Abbildungen und Beschreibungen des Schinderhannes, die sich zudem teils widersprechen. „Die wenigen existierenden Abbildungen in Gemälden und Stichen entstanden meist nach seinem Tod und basierten eher auf künstlerischer Freiheit als auf authentischen Belegen“, erklären Parson und sein Team. Anhand der DNA-Proben konnten sie nun die Augen-, Haar- und Hautfarbe des Räubers ermitteln.
„Die Daten deuten darauf hin, dass ‚Schinderhannes‘ braune Augen, dunkle Haare und einen eher blassen Hautton hatte“, erklärt Parson. Entgegen einigen historischen Beschreibungen war der Räuber demnach nicht blond, sondern hatte eher braune bis schwarze Haare. Isotopenanalysen der Knochen grenzen zudem ein, wo der „Schinderhannes“ mutmaßlich seine Kindheit und späteren Lebensjahre verbracht hat. Der im Taunus geborene Räuber hielt sich demnach auch später vorwiegend im Hunsrück oder Taunus auf, wie das Team berichtet.
Die Daten belegen auch, dass der Schinderhannes rauchte, Karies hatte und wenig Fleisch und Fisch aß, was auf eine typische „Arme-Leute-Ernährung“ der damaligen Zeit hinweist.
Das nun korrekt zugeordnete Skelett des Räubers wurde inzwischen aus der Ausstellung entfernt, um es zu konservieren. Besucher der Anatomischen Sammlung können jedoch eine Replik des Skeletts und eine Darstellung des Räubers sehen. (Forensic Science International: Genetics, 2025; doi: 10.1016/j.fsigen.2025.103276)